„Deutschland wird Weltmeister“

Der ehemalige Weltklasse-Verteidiger Thomas Linke ist Thüringens erfolgreichster Fußballer und stand 2002 im letzten WM-Finale einer deutschen Mannschaft.

Mit dem FC Rot-Weiß Erfurt stieg er in die 2. Bundesliga auf, mit Bayern München wurde er Champions League Sieger, Weltpokalgewinner, mehrfacher Deutscher Meister und Pokalsieger, mit Schalke 04 gewann er den UEFA-Cup.

Seit November 2011 ist der Erfurter, der seine aktive Karriere 2008 beendete, Sportdirektor beim Zweitligisten FC Ingolstadt 04. TOP MAGAZIN besuchte den 44-Jährigen an seinem Arbeitsplatz und sprach mit ihm über WM-Favoriten, Teamgeist, flache Hierarchien und ein altes Stadion.

Herr Linke, träumen Sie noch manchmal von einem gewissen Ronaldo?

Nein, wer soll das sein (lacht)?

 

Der schoss im WM-Finale 2002 beim 2:0 seine Brasilianer im Alleingang zum Titelgewinn. Sie waren sein Gegenspieler.

Ronaldo war ein Ausnahmespieler. Ich habe immer am liebsten gegen die Besten gespielt, um mich mit ihnen zu messen. Er war immer in der Lage ein Tor zu schießen, leider auch im Finale.

 

Torwartidol Toni Schumacher, der zwei WM-Finals verlor, hat einmal gesagt, er hätte alles dafür gegeben, um einmal Weltmeister zu sein.

Klar, wenn du im Finale stehst, willst du auch gewinnen, aber ich habe trotzdem nur positive Erinnerungen an die WM und das Finale, weil die Erwartungshaltung nicht sehr hoch war. In Deutschland hat uns im Vorfeld niemand etwas zugetraut, dann haben wir uns bis zum Finale durchgekämpft und haben dort das beste Spiel gemacht. Aber Brasilien hatte mehr Chancen, mehr Qualität und dementsprechend verdient gewonnen. Trotzdem war das nach der EM 2000, wo wir kläglich versagt hatten, für uns als individuell nicht so stark besetzte Mannschaft, die das mit Teamgeist ausgeglichen hat, etwas ganz Besonderes. Danach konnte ich mit einem guten Gefühl zurücktreten. Und seitdem hat es auch noch keine deutsche Mannschaft geschafft, bei einer WM erfolgreicher zu sein.

 

Mittlerweile ist es, zumindest was die individuelle Stärke angeht, etwas anders.

(lacht) Anders ist gut ausgedrückt.

 

Es ist die spielstärkste Nationalmannschaft, die es jemals gab.

Absolut. Sie spielen sensationellen Fußball und es macht auch sichtlich mehr Spaß zuzuschauen als noch zu meiner Nationalmannschaftszeit. Aber gewinnen kannst du trotzdem nur etwas ganz Großes über das Team.

 

Wie hat sich der Fußball seit 2002 verändert?

Durch die Nachwuchsleistungszentren ist die Ausbildung der Spieler im technisch, taktischen Bereich deutlich besser geworden. Was mir heute so ein bisschen fehlt, abgeleitet von meiner Art Fußball zu spielen, ist eine ordentliche Zweikampfführung. Das lernt man aufgrund der Taktik nicht mehr so richtig, weil es nur noch um Verschieben geht und wie man Passwege zustellt. Dazu kommt, dass heute viel zu schnell ein Zweikampf abgepfiffen wird. Wenn ein Spieler sich fallen lässt und schreit, bekommt der Gegenspieler gleich eine gelbe Karte. Das ist bedenklich, weil es eigentlich ein körperbetonter Sport ist.

 

Gehört Deutschland zu den Top-Favoriten bei der WM in Brasilien?

Ja, neben Spanien und Brasilien. Es hat bisher oft nur das i-Tüpfelchen gefehlt.

 

Warum hat das gefehlt?

Die entscheidenden Spiele waren oft sehr eng. Die Spanier haben über eine lange Periode klar dominiert und die Italiener haben eine sehr abgezockte Mannschaft. Wir hatten bei der EM 2012 viele junge Spieler, denen fehlt noch die Cleverness. Das lernt man mit dem Alter.

 

Wer bildet in Brasilien Ihr Manndeckerpaar?

Das ist gar nicht so einfach. Boateng, Hummels, Mertesacker und Höwedes stehen zur Auswahl. Badstuber wird es wahrscheinlich nicht mehr rechtzeitig schaffen, richtig fit zu werden. Von der Art und Weise, wie sie Fußball spielen, würden Hummels und Badstuber gut zusammenpassen. So wird es darauf hinauslaufen, dass Boateng aufgrund der erfolgreichen Saison der Bayern gesetzt sein wird. Daneben würde mir Hummels besser gefallen als Mertesacker.

 

Apropos Bayern, Präsident Uli Hoeneß hat vor einem halben Jahr vor spanischen Verhältnissen gewarnt, weil Bayern und Dortmund auf Jahre hinaus, wie in Spanien Real Madrid und der FC Barcelona, die Meisterschaft unter sich ausspielen würden. Jetzt haben wir deutsche Verhältnisse, keine andere Mannschaft in Europa dominiert die Liga so wie die Bayern.

Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass Dortmund in diesem Jahr viele verletzte Spieler hat und nicht über diesen breiten Kader verfügt wie die Bayern. Es hat die Münchner unheimlich gewurmt, dass der BVB zwei Jahre dominant war, deshalb war es auch eine große Genugtuung für die Bayern, im letzten Jahr das Champions League Finale zu gewinnen. Es wird aber nicht so sein, dass die Bayern die nächsten zehn Jahre so durchmarschieren.

Wie war das für Sie, als Sie 1998 zum FC Bayern gewechselt sind, war das nicht ein noch höherer Quantensprung als der von 1992 vom FC Rot-Weiß Erfurt zum FC Schalke 04?

Auf jeden Fall. Ich hatte es aber auch in Erfurt nicht einfach, ich war nie das große Talent, musste mich immer durchbeißen. Das hat mir aber geholfen, meinen Weg zu gehen. Ich musste am Anfang immer warten, bis sich ein Spieler verletzt, damit ich meine Chance bekam. Ich bin als Nobody zum FC Schalke gekommen und nach vier Spielen habe ich meine Chance bekommen und sie genutzt, wie meistens. Das war eine meiner großen Stärken. Bei Bayern München war die Konkurrenzsituation noch größer. Mein Vorteil war, dass ich als Nationalspieler und Gewinner des UEFA-Cups nach München wechselte. Aber in München gibt es nur Nationalspieler, trotzdem habe ich es geschafft, die Mehrzahl der Spiele zu machen, gerade auch die wichtigen.

 

Ein wichtiges war sicherlich das verlorene Champions League Finale 1999 gegen Manchester United, wo Sie bis zur 90. Minute 1:0 führten und in der Nachspielzeit noch zwei Treffer kassierten und verloren.

Das war nicht so wichtig (lacht). Es war nur die grausamste Stunde in meiner Karriere, auch weil ich schon in einem relativ hohen Fußballeralter war und nicht mehr damit rechnete, noch mal diese Chance zu bekommen.

 

Jetzt mal unter uns, warum hat sich damals Kapitän Lothar Matthäus in der 80. Minute auswechseln lassen?

Das weiß ich nicht, das müssen Sie ihn selber fragen.

 

Was ist in den letzten drei Minuten schief gelaufen?

Die hatten plötzlich fünf Stürmer auf dem Platz, dadurch hat unsere Zuordnung nicht mehr gestimmt, dann konnten wir den Ball nach der Ecke nicht richtig klären … Ich sage, das war einfach Schicksal. Das ist die einfachste Art, damit umzugehen. So etwas wird es wahrscheinlich auch nie mehr geben.

 

Dafür hat es dann zwei Jahre später mit dem Titel doch noch geklappt.

Stimmt. Wir haben aufgrund der Erlebnisse von 1999 so eine Energie entwickelt, dass wir die große Schmach tilgen und die Champions League unbedingt gewinnen wollten.

 

Damals standen Führungsspieler wie Kahn und Effenberg auf dem Platz. Heute bevorzugt Bundestrainer Joachim Löw eine flache Hierarchie.

Ich glaube, kein Trainer ist ein Verfechter einer flachen Hierarchie, jeder wünscht sich präsente Spieler in den entscheidenden Momenten. Stefan Effenberg war dafür ein gutes Beispiel, der konnte dazwischen gehen, hatte großen Respekt in der Mannschaft und hatte vor allem keine Angst auf dem Platz. Solche Persönlichkeiten tun jeder Mannschaft gut. Momentan ist das vielleicht in Deutschland so ein großes Thema, weil wir solche Persönlichkeiten nicht haben.

 

Bastian Schweinsteiger wäre doch so ein Kandidat.

Auch wenn ich noch mit ihm zusammengespielt habe, bin ich doch mittlerweile zu weit weg, um das beurteilen zu können. Auf jeden Fall hat er eine sehr gute Entwicklung genommen und ist als Persönlichkeit gereift.

 

Sie wechselten nach Ihrer Karriere vom Rasen hinter den Schreibtisch. Haben Sie jetzt einen anderen Blick auf das Fußballgeschäft?

Wenn man so lange im Fußball ist, ist das fast zwangsläufig, dass man dableiben möchte. Es ist doch ein großes Glück, wenn du dein Hobby zum Beruf machen kannst. Natürlich habe ich jetzt als Sportdirektor einen anderen Blick auf das Ganze, als Spieler hast du für gewöhnlich zwei Stunden Training am Tag, das war es. Heute kümmere ich mich um alle sportlichen Belange. Trainer wollte ich, wenn überhaupt, nur im Nachwuchsbereich werden, bei den Profis hätte ich den gleichen Tagesablauf gehabt wie als Spieler. Das wollte ich nicht.

Der Druck als Sportdirektor eines ambitionierten Zweitligisten ist aber bestimmt nicht geringer, als der als Spieler.

Mit Druck hatte ich nie ein Problem und ich möchte gern meine Erfahrungen an die jungen Spieler weitergeben, aber ich muss mich dafür nicht jeden Tag auf das Spielfeld stellen.

 

Bevor Sie im November 2011 das Amt des Sportdirektors in Ingolstadt übernahmen, waren Sie in gleicher Funktion kurz bei RB Leipzig tätig. Wie finden Sie das ambitionierte Projekt?

Spannend.

 

Ist es derzeit die einzige Möglichkeit, dass der Fußball-Osten einen Bundesligisten bekommt?

Zumindest ist es die wahrscheinlichste.

Was Red Bull anpackt, sollte nachhaltig sein, sie verfügen über außergewöhnliche finanzielle Möglichkeiten.

 

Der FC Ingolstadt 04 hat auch einen namhaften Sponsor im Rücken, der möchte doch seine vier Ringe auch bald in der 1. Liga sehen.

Den Verein gibt es erst seit zehn Jahren, es ist sensationell, was hier in der Kürze der Zeit entstanden ist. Nachhaltigkeit schaffen, dem Nachwuchs beste Voraussetzungen bieten, den Verein Schritt für Schritt nach vorne bringen, infrastrukturell und natürlich auf dem Platz, das ist unser vorrangiges Ziel. Wie haben keinen großen Druck, schnell in die Bundesliga aufsteigen zu müssen.

 

Sie haben als Spieler fast alles gewonnen, da wollen Sie doch sicherlich auch als Sportdirektor in der ersten Liga spielen?

Natürlich ist es mein Wunsch, irgendwann wieder in der Bundesliga zu landen. Ich bin aber nicht so vermessen zu sagen, es muss morgen sein.

 

Wie sehen Sie die Entwicklung bei Ihrem ersten Profiverein, dem FC Rot-Weiß Erfurt?

In Erfurt hat man einen guten Weg eingeschlagen, sie arbeiten mit vielen jungen und gut ausgebildeten Spielern. Das langfristige Ziel muss die 2. Liga sein. Ein Nachteil ist das alte Stadion, wenn man auf der Gegengerade sitzt, hat man Probleme zu erkennen, welcher Spieler gerade auf der anderen Seite am Ball ist. Erfurt braucht ein Fußballstadion.

 

Haben Sie Kontakt zum Verein?

Nur zum Sportvorstand Alfred Hörtnagl, den ich aus meiner Zeit in Österreich kenne. Meine Eltern und die ganze Familie leben in Erfurt, leider gelingt es mir nicht allzu oft, sie zu besuchen.

 

Letzte Frage: Wer wird Weltmeister?

Deutschland.

 

Und wenn der Gegner im Finale wieder Brasilien heißt?

Dann gehen danach in Brasilien die Lichter aus und das Land hält Staatstrauer.

 

Herr Linke, vielen Dank für das Gespräch.

 

Fotos: Marcel Krummrich