„Man wollte uns nicht“

 

Lautstarke Zurechtweisungen am Spielfeldrand, Diskussionen mit Schiedsrichtern und Journalisten – nicht nur einmal wurde Eduard „Ede“ Geyer vor und nach der Wende wegen seiner Unmutsbekundungen auf die Zuschauertribüne verbannt. Den Mund ließ und lässt sich der erfolgreiche Fußballtrainer von Dynamo Dresden, der DDR-Nationalmannschaft, Sachsen Leipzig und Energie Cottbus deshalb aber nicht verbieten. Im Gegenteil, wie sein aktuelles Buch „Einwürfe“ zeigt, das er bei der Erfurter Herbstlese vorstellte

TOP sprach mit dem 71-jährigen Kulttrainer über fehlenden Weitblick, mittelmäßige Westtrainer und sein Fast-Engagement beim FC Rot-Weiß Erfurt.

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Herr Geyer, was haben Sie gemacht, als am 9. November 1989 Günther Schabowski quasi die Mauer eingerissen hat?

Da haben wir mit der Nationalmannschaft im Trainingslager in Leipzig vor dem Fernseher gesessen. Das war ein ganz komisches Gefühl, keiner konnte es richtig einordnen. Zu dem Zeitpunkt konnte man überhaupt noch nicht wissen, wie das weiter gehen sollte: Bleiben es zwei deutsche Staaten, zwei deutsche Fußballverbände? Das hat die Köpfe unheimlich beschäftigt. Wir sind dann nach Wien gefahren und haben uns ganz normal auf das WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich vorbereitet.

 

Ein nicht ganz unwichtiges Spiel?

Es war das entscheidende Spiel, ob wir zur WM 1990 nach Italien fahren oder nicht. Ich habe der Mannschaft gesagt, dass wir die besseren sind. Unser einziger Nachteil war vielleicht, dass wir eine sehr junge Mannschaft waren. Kirsten, Stübner, Sammer, die waren alle um die 20 und noch sehr grün.

 

Ging das Spiel deswegen 0:3 verloren?

Die haben uns dort nicht gewollt, wir sind von vorne bis hinten beschissen worden. Der Schiedsrichter hat danach auch nie mehr gepfiffen. Warum durfte der so ein wichtiges Spiel pfeifen? Wir haben dann auch noch einen Elfmeter verschossen. Und natürlich beschäftigte der Mauerfall die Spieler, viele wurden bereits von Spielerberatern und Managern von Westklubs kontaktiert. Ich kann den Spielern aber gar keinen großen Vorwurf machen. Ich sagte ihnen, präsentiert euch, so eine Chance, bei einer WM zu spielen bekommt man nicht oft. Auch als Trainer nicht. Deshalb habe ich mich auch so gegrämt. Aber so war der Lauf der Geschichte, die kann man nicht beeinflussen. Das wird immer zu meiner Vita gehören, ich habe das aber abgehakt. Es gab ein Leben vor der Wende und es gibt ein Leben nach der Wende.

 

Auch nicht beeinflussen konnten Sie, dass fast ein Jahr später am 12. September 1990 in Moskau die DDR durch das Ratifizieren des „Zwei-Plus-Vier-Vertrages“ abgeschafft wurde und Sie zeitgleich in Belgien das 293. und letzte DDR-Länderspiel absolvierten.

Und da sollten wir gewinnen (lacht).

 

Und zwar mit einem Rumpfteam von 14 Spielern. Warum haben 22 namhafte DDR-Fußballer im Vorfeld abgesagt?

Das war unglaublich. Aber ich muss vorausschicken, dass ich vorher im Februar zur Auslosung der EM-Qualifikationsgruppen nach Schweden geschickt wurde. Die ganze DDR-Delegation bestand nur aus mir! Die der BRD aus 20 Mann. Das war beschämend und erniedrigend. Und dann wurde die DDR auch noch in die BRD-Gruppe gelost. Nachdem dann im Sommer die DDR aus der Qualifikation zurückgezogen wurde, gewährte uns Belgien ein Freundschaftsspiel, das war eine große Geste. Natürlich wollten die nicht gegen uns verlieren, die standen bei der WM im Viertelfinale. Dann kamen kurz vor dem Spiel die ganzen fadenscheinigen Absagen. Die, die blieben, haben das hervorragend gemacht. Ich dachte, wir verabschieden uns ordentlich und besaufen uns danach, dann geht jeder seinen Weg. Es blieben aber nur 14 übrig, die ich auch alle eingesetzt habe. Alle sind in die Historie eingegangen.

 

Stimmt es, dass ein gewisser Mathias Sammer auch aus dem Trainingslager abreisen wollte?

Mathias ist da geblieben, obwohl er eigentlich gar nicht wollte, als er hörte, wer alles abgesagt hat. Er blieb und hat beim 2:0 beide Tore geschossen. Das bleibt. Ich werde Ulf Kirsten mal fragen, `Du Blinder, warum bist Du denn damals nicht gekommen`? Wahrscheinlich wollte ihn Leverkusen nicht spielen lassen. Fußballer kriegen ja immer gesagt, was sie zu tun haben. Die denken dann: Wein, Weiber, Gesang – klappt. Alle feiern dich. Da ist es schwer, den Weitblick zu haben. Den hatte ich aber auch nicht immer.

 

Vor und im Wendejahr waren Sie als Trainer von Dynamo Dresden erfolgreich, standen im Europokalhalbfinale, holten nach zehn Jahren wieder die Meisterschaft nach Dresden, wurden Pokalsieger. Warum bekamen Sie trotzdem kein Engagement bei einem Westverein.

Ich dachte auch, dass ich nach der Wende im Westen oder im Ausland einen Job bekomme. Ich habe gewartet. Es gab Anfragen von Hertha, Bochum, Wuppertal. Das hat sich dann aber alles wieder erledigt. Natürlich war ich enttäuscht, dass teilweise mittelmäßige westdeutsche Trainer die Jobs bekamen. Es erging aber nicht nur den Fußballtrainern so, das war in anderen Sportarten nicht anders. Man wollte uns nicht. In der DDR hat wenig funktioniert, aber der Leistungssport funktionierte. Die haben uns einfach übernommen und waren doch bekloppt, dass sie uns Fachleute nicht wollten.

War das dann für Sie eine Genugtuung, als Sie mit Energie Cottbus in die 1. Bundesliga aufstiegen und den finanzschwachen Verein dort vier Jahre lang hielten?

Von Genugtuung möchte ich nicht sprechen, so viel Zeit hatte ich nicht, um über so etwas nachzudenken. In Cottbus hatte ich gute Partner und auch ein bisschen Schwein. Das braucht man immer. Als ich nach Cottbus kam, hatte ich 25 Spieler, von denen 20 den Ball nicht richtig trafen. Da habe ich mir schon gedacht, du warst Nationaltrainer, hast Sammer und Kirsten trainiert und jetzt steigst du hierunter. Aber wenn ich mich auf diese Ebene begeben hätte, hätte es nicht funktioniert. Ich habe dann viele Spieler weiterentwickelt und die Mannschaft fit gemacht, dass sie immer 90 Minuten mit Leidenschaft spielen und vor allem rennen konnte.

 

Heute spricht man ja oft vom Laptop- bzw. Konzepttrainer.

Das muss irgendein dummer Journalist mal gesagt haben, dann haben das alle übernommen. Denken Sie denn, wir hatten zu meiner Zeit kein Konzept? Der Trainer, der kein Konzept hat, der soll sich erschießen. Einen Laptop brauche ich dafür nicht, ich muss auch nicht jede Kleinigkeit über einen Spieler abspeichern. Ich habe gelesen, dass es eine Software gibt, die 91 Leistungsparameter eines Spielers während eines Spiels erfassen kann. Wer braucht denn das, da wird der Fußball doch nur zerpflückt. Es geht doch um die Torerzielung und die Torverhinderung, die Laufstrecke interessiert mich auch noch. Was nützt mir als Trainer die Statistik, das ich 70 Prozent Ballbesitz hatte, wenn ich das Spiel 0:2 verloren habe?

 

Ist das heute noch Ihr Fußball?

Der Fußball ist ein Milliardengeschäft geworden und entfernt sich immer mehr von der Basis. Bei Weltmeisterschaften bekommen Sponsorenmitarbeiter Tickets, die sich gar nicht für Fußball interessieren und während des Spiels lieber eine Stadtrundfahrt machen, ich habe das selber erlebt. Die Karten fehlen aber den echten Fans. Diese Entwicklung kotzt mich an. Zudem sterben die Traditionsmannschaften aus, weil die Spieler heute nur noch zwei, drei Jahre bei einem Verein bleiben und dann weiterziehen. Ich spiel heute noch jeden Mittwoch mit einstigen Mitstreitern in Dresden Fußball, das ist ein schöner Termin.

 

Also stimmt die These: Geld schießt Tore und der Osten hat keins?

Man könnte das so zusammenfassen, aber das ist ja nicht unser Stil. Die Entfernung zum Spitzenfußball ist natürlich sehr groß geworden, auch wenn RB Leipzig bald in die 1. Liga aufsteigen und auch in ein paar Jahren international spielen wird. Für einige andere ist die zweite Liga machbar, darüber hinaus wird es schwierig. Du kannst es auch mal schaffen wie Cottbus, aber wenn du dich nicht verstärken kannst, spielst du nur gegen den Abstieg. Der Osten sollte zusammenstehen und sich austauschen.

 

Sie sind am 7. Oktober 71 Jahre alt geworden, würden Sie sich noch mal auf einen Trainerstuhl setzen?

Nö. Ich habe eigentlich damit abgeschlossen. Ich möchte meine Enkel, meine Kinder und Freunde sehen und um mich haben. Deshalb mache ich auch keine Weltreise. Mit meinen Enkeln, 11 und 13, habe ich erst vorige Woche wieder Berganläufe gemacht, mit Stoppuhr. Wenn die Kinder geführt werden, wollen die auch Sport treiben und sich im Wettkampf messen.

 

Sie waren mit Ihrem aktuellen Buch „Einwürfe“ auf Lesereise in Thüringen. Warum haben Sie eigentlich nie Rot-Weiß oder Carl Zeiss trainiert?

Das lag nicht an mir. Ich hatte 1994 eine Anfrage von Erfurt und ich wollte mich auch mit dem Präsidenten treffen. Ich stieg damals in Dresden ins Auto, bin aber nicht weit gekommen. Stau! Ich bin runtergefahren und habe von einer Gaststätte aus in Erfurt angerufen. Wir haben dann noch mehrmals an dem Tag telefoniert. Am nächsten Morgen bin ich mit meiner Frau nach Griechenland gefahren und wir sind so verblieben, dass sie mich anrufen. Es hat sich aber nur Cottbus gemeldet und so bin ich dort gelandet. Rot-Weiß war aber damals für mich die viel bessere Fußballadresse. Erfurt war in den 50er Jahren so etwas wie meine Lieblingsmannschaft. Als sie 1954 und 1955 Meister wurden, habe ich sie als Stift in Dresden im Stadion gesehen. Erfurt war damals eine richtige Nummer.

 

Herr Geyer, vielen Dank für das Gespräch.

 

Foto: Marco Fischer